Grundlagen/Überreichweiten

Interview mit Paul Logan über Transatlantik-DX auf UKW

Seit wann bist du DXer?
Ich mache Rundfunk-DX seit 1983, als ich die Kurzwelle und die Mittelwelle entdeckte. Einige Jahre lang habe ich auch TV-DX gemacht, aber jetzt ist mein Hauptinteresse UKW-DX und - etwas weniger ausgeprägt - MW-DX.

 

Wo ist dein Standort? Ist es nahe am Meer? Hast du ein freies Take-off Richtung Westen/ Nordwesten? Denkst du, dein QTH ist für transatlantische Ausbreitung besser gelegen als andere Standorte?
Mein Standort ist 07W26/54N15 in der irischen Kleinstadt Lisnaskea. Das liegt in einem Tal mit kleinen Hügeln und anschliessendem steilen Hochland Richtung Osten und Nordosten. Nach Westen ist etwa 30 km weit meistens Tiefland und dann kommen Berge, die 660 m Höhe erreichen. Richtung Westen oder Nordwesten steht Signalen, die in niedrigem Winkel ankommen nichts im Wege. Die Hügel im Osten sind vielleicht nützlich, um einige lokale Signale aus dieser Richtung zu unterdrücken. Ich bin ungefähr 80 km vom Atlantik entfernt.

Mein UKW-Band ist allerdings ziemlich voll, mit 46 lokalen und semilokalen Frequenzen. Wenn es mäßiges Tropo gibt, empfange ich alle Senderstandorte der verschiedenen irischen und britischen Sendernetze. So ist das hier also nicht wirklich das DX-Paradies, das sich manche Leute vorstellen! Natürlich hilft es, am Westrand Europas zu sein. Das Hauptproblem sind aber die lokalen Stationen.

 

Wie hast du gemerkt, dass transatlantische Stationen in der Luft sind und wie hast du diese Stationen identifiziert?
Früher am Abend habe ich auf 88.5 Radio Atlantida aus Sao Miguel (Azoren) empfangen. Das, und die vielen transatlantischen Kontakte auf 6 m machten mich hellhörig auf Ausbreitungsbedingungen Richtung Westen. Ich habe ausserdem seit sieben Jahren transatlantische TV-Träger beobachtet. So wusste ich, welche Frequenzen ich zu checken hatte: 55.25/61.25/67.25/ 77.25/83.25. Gegen 2050 UTC hatte ich am 26. Juni Träger bis 77.25 MHz hinauf. Da wusste ich, dass UKW-Empfang eine reelle Möglichkeit war.

Dass es dann auch tatsächlich soweit kam, wurde mir klar, als eine NPR-Station aus den USA auf 88.5 MHz herein fadete und das schwache Signal von RTE1 aus Dublin verdrängte. Das war zu Beginn der lokalen 22-Uhr-Nachrichten.
Manche Stationen konnte ich anhand ihrer IDs identifizieren, wie z.B. WYSP 94.1 und WENJ 97.3 “ESPN South Jersey”, andere habe ich anhand ihrer Werbung (CJOZ) und ihres Stationsformats (WCRI mit Klassik / WJFD mit Portugiesisch-Sendungen) identifiziert. Mein komplettes Log findet sich als Anhang.

Die am weitesten entfernte Station, WVAS 90.7 Montgomery Alabama, wurde erst am Montag 29.6. nach einem Tag Detektivarbeit identifiziert. Ich erhielt eine Email von Nick Langan aus New Jersey, der mir riet, noch einmal meine Aufnahmen von 90.7 anzuhören. Ich hatte dort zwei Stationen, die miteinander vermischt waren, eine davon mit spezifischen Nachrichten aus Alabama. Später in meiner Aufnahme spielte eine Station auf 90.7 Jazz und es gibt nur eine „smooth jazz station“ auf 90.7, das ist WVAS. Ich rief die Station an und sie glaubten mir nicht! Ich schrieb ihnen auch eine Email, bekam aber keine Antwort. Erst am Montag um 21:00 meiner Zeit konnte ich sicher sagen, dass es WVAS war. Ich hörte mir ihren Webstream an und hörte den gleichen Nachrichtensprecher, Marcus Hyles, der die lokalen Nachrichten las. Ich wusste schon, dass es WVAS sein musste, nachdem ich die Aufnahmen nochmals genau anhörte. Drei Nachrichten in Folge über Alabama; als ich aber den gleichen Sprecher über den Webstream hörte, war das die Bestätigung.

Nick Langan ist der Held dieser ID, da er mich davon überzeugte, dass Alabama tatsächlich MÖGLICH war! Vorher hörte ich meine Aufnahmen an, hörte die Hinweise auf Alabama und sagte zu mir: „Das ist unmöglich“!
Ich habe alle meine Aufnahmen über die amerikanische WFTDA-Mailingliste gepostet, von der einige Mitglieder sie anhörten und mir Hinweise und Infos gaben. Das war eine grosse Hilfe im Identifizierungsprozess. Nur eine von zwölf gehörten und aufgenommenen Stationen bleibt unidentifiziert, das ist die NPR-Station auf 88.5 MHz. Es ist entweder WXPN Philadelphia oder WAMU Washington DC.

 

Welche Empfänger und Antennen hast du benutzt?
Sony STSB920 / Onkyo T 4970, beide unmodifiziert, und als Antenne eine 4-Element-Yagi. Für die Beobachtung von TV-Trägern einen ICOM IC-R7100 und einen Dipol.

 

Wie hast du deinen Empfang "organisiert"? Ich nehme an, du musstest immer zwischen scannen und aufnehmen entscheiden. Oder hast du mehrere Empfänger benutzt (einen zum aufzeichnen, einen anderen zum scannen weiterer TA-QRGs?
Man kann solche Ereignisse planen, aber wenn es dann passiert, ist es solch ein Schock, dass sich die meisten der toll ausgearbeiteten Pläne in der Begeisterung in Luft auflösen. Dieses Mal nahm ich nicht allzu lange auf einer Frequenz auf – sobald ich etwas Infos hatte, die zu einer ID führen könnten, ging ich zur nächsten Frequenz weiter. Kanäle, auf denen nur Musik zu hören war, habe ich gleich übersprungen. Idealerweise sollte ich zwei komplette Empfangssysteme haben, die an Aufnahmegeräte angeschlossen sind... Vielleicht nächstes Mal. Ich blieb nicht beim ersten Empfang von NPR 88.5, da ich befürchtete, wertvolle Zeit während einer langen Nachrichtensendung zu verlieren. Ich denke, ich habe es alles in allem ganz gut gemacht – nur eine von zwölf Stationen bleibt ohne ID.

 

Wie hast du Logbuch geführt?
Ich benutze inzwischen FMLIST für alle Log-Aufzeichnungen. Ich finde es das schnellste, einfachste und kompletteste Log-Tool, das online ist. Es ist außerordentlich gut, um verschiedene Frequenzen vom gleichen Standort zu finden. Was ich daran auch sehr mag ist die Möglichkeit, Logs auf einfache Weise nach Google Earth zu exportieren und so die Ergebnisse einer Sporadic-E-Öffnung zu visualisieren. Im Falle der TA-Öffnung kann man sehen, dass alle Stationen innerhalb 4 Grad Azimuth (278-282°) kamen, die meisten entlang der 280°-Linie. Die Identifikationen habe ich mit FMLIST, Radio Locator und mit Hilfe von Freunden der WFTDA gemacht.

 

Wie „fühlten“ sich die Signale an, d.h.: Wie war die Signalstärke? Gab es lokale Interferenzen? Gab es viel Fading? War das Fading schnell oder langsam? Hast du Unterschiede zu „normalen“ (europäischen) Sporadic-E-Signalen feststellen können?
Die Signalstärken waren unterschiedlich, WENJ 97.3 war am stärksten, dominant mit guten Spitzen. Einige andere Kanäle waren schwach und klangen wie ein Gebrodel mehrerer Stationen. Ich hörte auf einigermaßen klaren Kanälen ohne lokale Störungen. Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, hätte ich eher auf schwierigen Kanälen gehört und das Dynas vom Onkyo genutzt, aber ich hatte keine Zeit. Fading war kein so großes Problem wie die Interferenzen von anderen DX-Signalen. Es ist klar, dass sich nordamerikanische Signale anders anhören, sie sind heller aufgrund anderer Signalaufbereitung. Der Klang der Ausbreitung an sich erinnerte mich an das Doppelhop-Sporadic-E, das ich mal aus Istanbul/Türkei empfangen habe.

 

Wie lange dauerte der Empfang? Fadeten manche Stationen aus und kamen später wieder?
Die Öffnung dauerte genau eine Stunde lang. Am Ende hörte ich noch Neufundland. 97.3 war fast die ganze Zeit da. Es waren wirklich nur ein paar Kanäle offen. Das war ein wenig schade. Zu einem Zeitpunkt konnte ich nichts außer der 97.3 hören.

 

Hast du theoretische Ideen über diese Ausbreitung? Denkst du, es war Multihop-Es mit Reflexionen auf dem Wasser oder vielleicht eher mit Reflexionen zwischen verschiedenen ES-Regionen?
Zur Zeit dieses Empfangs hörte Randy Zerr in Fort Walton/Florida die Station CKOZ aus Neufundland auf 92.3 über 3165 km. FM-DXer im Nordosten der USA hatten auch Bedingungen nach Neufundland. Ich bin sicher, es war Multihop-Sporadic-E. Wie viele Hops? Ich weiss es nicht, aber es war ein ganz ungeheuerliches Ereignis. Eine Stunde TA-DX in sechs Jahren geduldigem DXen! Ich denke, das passiert natürlich eher über Seestrecken.

 

Du hast auf den Tag genau sechs Jahre zuvor schon einmal transatlantische Stationen empfangen. Wenn du vergleichst: Was haben beide Empfangserlebnise gemeinsam und was ist unterschiedlich?
Dieses Mal waren die Entfernungen grösser. Der Schock war aber nicht geringer! Ich meine, trotz des Empfangs von 2003 war ich dieses Mal nicht ruhiger als es passierte! Ich staunte ungläubig. Was gleich war, war dass es viel Aktivität auf 6m gab, und natürlich das gleiche Datum!

 

Hast du andere Erfahrungen mit transatlantischem DX (vielleicht auf TV-Kanälen), neben diesen beiden Supertagen am 26. Juni?
Ja, am 20. Juli 2003 empfing ich um 0115 UTC CBAF Moncton, New Brunswick, Canada, während einer Öffnung nach Island zu später Stunde. Das wurde bestätigt durch eine kurze Aufnahme des französischen Tons von Charles Gauthier, einem DXer in Quebec, und vom DJ bei Société Radio Canada, der Station, die ich gehört hatte.

Mehrere Male seit 2003 habe ich schwache Fernsehbilder aus Kanada und vor allem Puerto Rico über Sporadic-E empfangen. Dieser Empfang war nun das Ergebnis eines persönlichen Ziels, nämlich den Empfang von 2003 zu wiederholen. Ich habe sechs Jahre damit verbracht, DXCluster- Karten zu beobachten und Zischen anzuhören. Und dankenswerter Weise war ich zuhause, als die Signale dann tatsächlich kamen. In den Jahren seit 2003 würde ich schätzen, dass es ungefähr sechs Mal nahe daran war, wieder TA FM zu geben. Zumindest habe ich so oft Träger auf dem TV-Kanal A6 gehört und gefühlt, dass es passieren könnte. Mehr als einmal habe ich schwache Signale gehabt, die sich mit RTE auf 88.5 MHz bekämpften, aber da war nichts, das hätte beweisen können, dass es transozeanische Signale wären.

 

Dein Fazit?
Ich denke nicht, dass mir diese wunderbaren Empfangserlebnisse meine Freude an eher „normalem“ DX verderben können. Ich bin immer noch begeistert von einer guten Öffnung nach Spanien und ich habe große Freude am „QRP-Hören“ mit einfachen Antennen und Empfängern. Ich hoffe auch, dass ich nächstes Mal besser vorbereitet und viel ruhiger sein werde!

 

Vielen Dank, Paul, für dieses Interview und viel Erfolg bei weiteren DX-Erlebnissen!

(Die Fragen stellte Udo Deutscher, der auch die Antworten aus dem Englischen übersetzte.)

Hier nun das Log mit ID-Infos:
88.5 2105 USA NPR news entweder von WXPN Philadelphia PA (gleicher Standort auf 94.1 WYSP gehört) oder
WAMU Washington DC
90.7 2110 USA WFUV-NPR New York/Fordham University NY 50kw 5005 km Frau mit Nx, Hinweise
auf “ Queens subway” und ID
90.7 2106 USA WVAS Montgomery, Alabama AL 80 kw 6456 km lokale Nx mit Marcus Hyles.
94.1 2111 USA WYSP-Free FM Philadelphia/Roxborough Tower Farm PA 16kw 5153 km Station-ID,
Werbung und Hinweis auf "South Philly"
95.1 2114 USA WAYV Atlantic City NJ 50kw 5152 km Rockmx, die zu ihrer Online-Playlist passt,
identifiziert durch Nick Langan in New Jersey.
95.1 2116 USA WXTK West Yarmouth MA 50 4718 km Howie Carr Talkshow (einzige Station auf 95.1
mit dieser New England Talkshow)
97.3 2116 USA WENJ FM Millville NJ 50kw 5169 km Werbung und ID als “97.3 ESPN South Jersey”
97.3 2117 USA WJFD-FM New Bedford MA 50kw 4751 km Portugiesisch-Px (einzige Port.- Station,
die den WTFDA-Mitgliedern bekannt ist)
95.9 2120 USA WOSC Cape Isle Of Wight MD 10.5kw 5260 km Wx und ID "Non stop 96 Rock"
95.9 2120 USA WCRI-Classical 95.9 Block Island RI 6kw 4829 km Klassik (Einzige Klassik-Station
auf dieser Frequenz)
98.1 2125 USA WOCM Cape Isle Of Wight MD 3kw 5260 km Werbung für lokale “Steer Inn Tavern”
Berlin MD
92.1 2127 CAN CJOZ-OZ FM Bonavista NF 6.7kw 3165 km Werbung für die Bars Bonavista und
“Shamrock City“ in St. Johns.
Links:
http://www.box.net/shared/n703eulggh (Ordner mit DX vom 26. Juni)
http://www.box.net/shared/nrdypc9tqb (WVAS Alabama)
http://www.box.net/shared/7kab0cnu0d (Vergleich Nx zwischen Webstream und TA-DX)
http://www.box.net/shared/ma37v3bfhx (WENJ WJFD mix)
http://www.box.net/shared/z21jnz4emp (WYSP)
http://www.box.net/shared/2d36nhfkm0 (CJOZ)
video: http://www.youtube.com/watch?v=QGMitBWmhg4 (CJOZ)
video: http://www.youtube.com/watch?v=B-A0CxMhD9k (WENJ WJFD mix)