Grundlagen/Überreichweiten

Erweitern Sie Ihren Horizont!

Weiter hören und sehen
mit dem UKW/TV-Arbeitskreis

auch ohne Satellitenschüssel!

Testbild der spanischen Station rtve, Sender Santiago, Kanal E2, 40 kW
Italienisches oder schwedisches Fernsehen empfangen, Radio Sevilla oder Radio Clyde aus Glasgow hören? Warum nicht? Sogar TV-Farb- oder Stereoempfang ist manchmal möglich. Natürlich nicht jeden Tag, sondern nur bei Überreichweiten. Aber die können "es wirklich in sich haben"!

Was der staunende Laie meist nicht gleich durchschaut: Nicht eine große teure Antennenanlage verhilft einem zu diesen Empfangserfolgen, sondern Know-How und Ausdauer! Und wie das halt so ist, wenn man etwas Zeit und Mühe investiert, ist die Freude über den Erfolg viel größer.

Interview mit Paul Logan über Transatlantik-DX auf UKW

Dass Überreichweiten vor Kontinentgrenzen nicht halt machen und sogar den Atlantik überqueren können, zeigt der folgende Artikel. REFLEXION führte ein Interview mit dem irischen DXer Paul Logan, der darin über einige Hintergründe seiner sensationellen USA-Empfänge auf UKW vom 26.6.09 berichtet.

Hier geht es zu dem kompletten Interview, das in der REFLEXION 224 (Juli 2009) erschienen ist.

Überreichweiten! - Was ist das eigentlich?

Überreichweiten können verschiedene Ursachen haben: z.B. eine ausgeprägte Hochdruck-Wetterlage. Stabiles Hochdruckwetter mit wenig Wind und klarem Himmel kommt hauptsächlich im Spätsommer und Herbst vor. Es bewirkt nachts und morgens eine Temperaturinversion, d.h. eine Umkehrung des normalen höhenabhängigen Temperaturverlaufs in der Atmosphäre. Einfacher ausgedrückt: Während es gewöhnlich mit wachsender Höhe immer kälter wird, steigt die Temperatur bei einer Inversion in einem bestimmten Höhenbereich (oft in 800 bis 1000 Meter) an.
Fernsehkanäle im VHF-Bereich
Besonders die Ausbreitung der hohen Frequenzen (UKW, VHF3 Kanal 5-12 und UHF Kanal 21-69) wird durch eine Inversion beeinflußt. Während sich diese Wellen unter normalen Umständen geradlinig ausbreiten wie das Licht, werden sie bei solchen troposphärischen Überreichweiten nach unten gebrochen und folgen der Erdkrümmung. In Mitteleuropa können dadurch mitunter Entfernungen bis 1000 km überbrückt werden, über warmen Meeren wie dem Mittelmeer sogar noch erheblich weiter.
Brechung ultrakurzer Wellen durch eine Temperaturinversion in der Troposphäre
Zu den typischen Tropo-Empfängen in Nordwestdeutschland gehören z.B. britische und norwegische UKW- und TV-Sender, im Westen und in der Mitte gilt das Interesse eher Stationen aus Frankreich, der Schweiz, Österreich und Südtirol. Die große Anzahl neu in Betrieb gehender Sender und die damit verbundene dichtere Frequenzbelegung verringern leider die Chancen auf spektakuläre Tropo-Empfänge.

Aber zum Glück gibt es noch die Ionosphäre! In rund 100 km Höhe befindet sich die sogenannte E-Schicht, die von Mai bis August für die wohl faszinierendste Art von Überreichweiten sorgt. Vor allem mittags und abends ballen sich dort die Elektronenwolken zusammen und wandern rasch über ganz Europa hinweg. Diese sporadische E-Schicht, eine typische Erscheinung der mittleren Breiten, reflektiert sehr gut Frequenzen von 20 bis 150 MHz (Kurzwelle, TV auf VHF I und UKW). Besonders häufig und stark betroffen sind die Fernsehkanäle 2, 3 und 4, die zum Glück in Mitteleuropa nur von wenigen Sendern benutzt werden.
Reflexion ultrakurzer Wellen an wandernden Elektronenwolken in der E-Schicht der Ionosphäre
Sporadik-E-Überreichweiten setzen in der Regel sehr plötzlich ein und lassen sich leider auch nicht vorhersagen. Sie können wenige Minuten oder einige Stunden andauern. Wegen der Höhe der reflektierenden Schicht sind die Reichweiten ziemlich groß: 800 bis 2200 km. Das gilt für einen "Sprung" (Sender - E-Schicht - Empfänger), mehrere Spünge bringen noch größere Reichweiten, kommen aber eher selten vor. In der Praxis äußern sich Sporadik-E-Überreichweiten so: Ein Hörer in Köln kann z.B. den türkischen UKW-Sender Izmir auf 88,0 MHz empfangen oder italienische Lokalsender auf Sizilien. Den Bayerischen Rundfunk dagegen wird er nicht hören können, denn dessen UKW-Sender liegen für die Sporadik-E-Ausbreitung in der Toten Zone, sie können so steil nicht reflektiert werden. Im Fernsehbereich VHF I sieht man hierzulande häufig Programme und Testbilder aus Skandinavien, herauf bis nach Lappland, aus Island, Russland, Rumänien, Griechenland, Italien und von der iberischen Halbinsel.
Stationsdia des rumänischen Fernsehens, Sender Bukarest, Kanal R2
Neben troposphärischen und Sporadik-E-Überreichweiten treten gelegentlich noch andere Arten auf. Temporäre Vorgänge in der äquatornahen F-Schicht der Ionosphäre (sogenanntes Spread-F) ermöglichen z.B. in Kombination mit Sporadik-E den Empfang des Fernsehens aus Zimbabwe, Ghana oder Nigeria. Sehr hohe Sonnenaktivität zur Zeit des Sonnenfleckenmaximums bringt TV-Empfang aus praktisch allen Kontinenten. Außerdem gibt es Reflexionen an Polarlichtbändern (Radio-Aurora) oder Eintrittspuren von Meteoriten (Meteor-Scatter).

Technische Voraussetzungen für den Überreichweiten-Empfang

Viele UKW- und TV-Empfangsamateure betreiben Tropo- oder Sporadik-E-DX mit eingebauten Teleskopantennen oder Zimmerantennen, die man auch selbst bauen kann. Wenn man von seiner Wohnung mindestens nach Süden freie Sicht zum Horizont hat, mag das reichen. Besser sind natürlich drehbare Yagiantennen auf dem Dach oder Balkon, besonders für den, der schon bei normalen Empfangsbedingungen mehr empfangen möchte oder auch schwache troposphärische Überreichweiten ausnutzen will.
Testbild des portugiesischen Fernsehens, Sender Lousa, Kanal E3, 60 kW
Als Empfänger werden übrigens fast ausschließlich handelsübliche Geräte verwendet. Beim TV-DX sind Zusatzmodule für SECAM oder die Ost-Ton-Norm (6,5 MHz Abstand zwischen Bild- und Tonträger) und die Britannien-Ton-Norm (6 MHz Abstand) hilfreich, aber nicht unbedingt erforderlich. Schöner ist es natürlich, wenn man das Moskauer Fernsehen mit Ton und Farbe erleben kann.

Für UKW-DX-Erfolge empfiehlt es sich vor allem, ein trennscharfes Gerät zu benutzen, am besten einen hochwertigen UKW-Tuner. Aber gute Kofferempfanger bringen schon eine ganze Menge. Ein eingebauter RDS-Decoder kann sehr hilfreich sein bei der Identifizierung unbekannter Sender.

Sind Sie eine Sammlernatur?

Viele UKW- und Fernsehstationen bestätigen korrekte Empfangsberichte per QSL-Karte oder Brief. Man sollte aber daran denken, daß diese Sender Inlandsprogramme ausstrahlen und höchstens am technischen Teil des Berichtes interessiert sind. Als Beweis für die Richtigkeit des Berichtes kann man an Fernsehstationen ein Foto beilegen, das man vom Bildschirm aufgenommen hat. Dabei sollte man mindestens 1/25 Sekunde belichten (besser 1/8 oder 1/15), da sonst auf dem Foto schwarze Balken zu sehen sind.
Testbild des isländischen Fernsehens, Sender Skalafell, Kanal E4, 300 kW

Alles klar ?

Diese Erklärungen zum UKW- und TV-DX reichen eigentlich schon aus, um damit anfangen zu können. Weitere Infos gibt es auf unserer Homepage und vor allem in unserer Zeitschrift REFLEXION.